Offiziershochschule für Militärflieger, 1. und 2. Studienjahr in Bautzen

Mit dem 28.08.1981 endet dann auch für die nächsten 9 Jahre mein Zivilistendasein. Der Tag der Einberufung ist gekommen.
Da wir Studienanfänger vom Kurs Jagdfliegerkräfte uns zum großen Teil kennen, haben wir uns verabredet, nach der Ankunft am Kamenzer Bahnhof ein letztes gepflegtes Bier trinken zu gehen. So trudele ich, aus Berlin kommend, mit dem Zug am späten Nachmittag in der Lausitz ein.
Leider haben wir nicht mit der straffen Organisation, bzw. den langjährigen Erfahrungen der Kameraden an der OHS an Einberufungstagen gerechnet. Ich werde nämlich, genau wie alle anderen, gleich auf dem Bahnsteig „weggefangen“, als ob man uns ansieht, wer aus dem Zug aussteigt. Na gut, muss das gepflegte Bier halt warten.
Nachdem der ankommende Zug durchgesiebt und aussortiert ist, geht es zum Objekt der Offiziershochschule, wo ein erstes Gespräch auf uns wartet.
Hier wird auch gleich getrennt in zukünftiges fliegendes und nichtfliegendes Personal.
Am Abend finden wir Flieger uns auf einem LKW W-50 wieder und fahren in der untergehenden Sonne Richtung Osten.
Ziel ist Bautzen, Garnisionsstadt seit 1764.
Unsere Heimat für die nächsten 2 Jahre ist die ehemalige Husaren-und Kavalleriekaserne, ehemals „Friedrich-August-Kaserne“. Ihrem ehemaligen Verwendungszweck entsprechend gibt es massig ehemalige Pferdeställe, nunmehr als Garagen genutzt. Die in die Mauern eingelassenen Metallringe zeugen noch von den einstigen Bewohnern. Als Neubauten sind das Lehrklassengebäude mit Hörsaal und ein Unterkunftsblock U-500 entstanden. In den ehemaligen Mannschaftshäusern I und II befinden sich Unterkünfte für die Unteroffiziere und Soldaten des technischen und sicherstellenden Staffeln des FAG-25 (Fliegerausbildungsgeschwader) und der Stab des Geschwaders, sowie zu unserer Zeit der Stab des Fliegerschule. Im ehemaligen Reithaus ist die Sporthalle und der Fliegertrainingsraum untergebracht.
Die einzigen neuen Gebäude sind das Lehrklassengebäude in dem sich die meisten Fachkabinette für die theoretische Ausbildung befinden und unsere Unterkunft, der U-500. In diesem 5-geschössigen Bau befinden sich die Unterkunftsbereiche der Offiziersschüler der ersten beiden Ausbildungsjahre.
Wir beziehen das zweite Stockwerk und werden bei unserer Ankunft teils belustigt, teils mitleidig von den „Zweijährigen“ vom Fenster aus beäugt. (Ein Jahr später ist es dann an uns, das Gleiche zu tun 😉 )

Bautzen KDL
Eingang (KDL) Kaserne Bautzen, Bild von 2010
Lehrklassengebäude, Hörsaalanbau ist abgerissen, auf der Wiese stand unsere Unterkunft der U-500, Bild von 2010

Angekommen, werden wir noch auf die 4-Bett-Zimmer verteilt und in Trainingsklammotten eingekleidet.
Um 21:00 Uhr gibt es Abendessen um 22:30 Uhr ist Nachtruhe befohlen.
Am nächstem Morgen pfeift uns der UvD („Unteroffizier vom Dienst“ – bei uns immer ein Offiziersschüler, während der Grundausbildung aus einem höheren Studienjahr, dann einer von uns) nach gefühlten 3 Stunden Schlaf um 5 Uhr aus den Betten. Für einen gewesenen Schüler nach den Sommerferien natürlich der GAU. Aber was soll´s, man hat sich seine Zukunft ja selber ausgesucht.
Das zeitige Aufstehen ist wohl neben dem straff organisierten Tagesablauf die größte Umstellung. Der Tag ist dann gefüllt mit Einkleiden, Spind einräumen, Sturmgepäck Teil I und II packen und solchen „Kleinigkeiten“ wie dem Anbringen der Schulterstücken auf den Uniformen.
Gefühlte 100 kg Uniformen und Ausrüstungsgegenstände sind am Ende des Tages erstaunlicherweise irgendwo verstaut.

Grundausbildung
Wir haben nun die Grundausbildung vor uns, d.h. wir lernen das ABC des militärischen Lebens.
Der neue Tagesablauf hält uns ordentlich auf Trab, organisiert und kontrolliert wird er mit Hilfe des „Unteroffizier vom Dienst -UvD“, er ist sozusagen die lange Hand der Kompanieleitung. In den ersten Wochen sind das zwei Offiziersschüler des 2.Studienjahres, mit Beginn der Theorieausbildung wird dieser 24-Stunden-Job von uns erledigt.
Die erste Handlung des UvD am frühen Morgen ist das Wecken um 5:50 Uhr, mit einer Trillerpfeife und dem  lauten Ruf „Kompanie aufstehen“ endet die oft viel zu kurze Nacht.
Viel Zeit in die Klammotten zu springen hat man nicht, da der UvD schon zum Frühsport pfeift. Jeden Tag wartet eine andere Disziplin auf uns: mal sind es 20 Minuten am Reck, dann mal wieder ein 3.000m-Lauf in aller Frühe, ein andern Mal stemmen wir Panzerkettenglieder oder „vergnügen“ uns auf der Sturmbahn.
Bestrebungen, dieser Morgengymnastik möglicht clever und oft aus dem Weg zu gehen, gibt es viele, die Möglichkeiten sind allerdings begrenzt.
Vor allem in den Monaten in denen es zu dieser Zeit noch dunkel ist, gibt es ein Katz- und Mausspiel mit den Kontrolloffizieren, die natürlich verhindern wollen, dass ihre Schäfchen abgammeln.

Nach dem Frühsport haben wir kurz Zeit zum Waschen, Rasieren und Anziehen. In den ersten Monaten steht uns nur kaltes Wasser zur Verfügung und aus „Duschen“ wird „Schüsseln“. Da uns in dieser Zeit keine Duschen zur Verfügung stehen, greift Mann bei der Ganzkörperwäsche eben zur Schüssel.
Der UvD hat schon wenig später wieder die Pfeife in der Hand und „lädt ein“ zum Stuben- und Revierreinigen. Das eigene Zimmer und der eigene Schrank müssen auf Vordermann gebracht werden, dazu wartet noch ein Nassrevier auf uns. In den ersten Tagen hat unsere Stube ca. 50 m Flur und eine Treppe mit 22 Stufen zugeteilt bekommen, die jeden Morgen zu Wischen sind. Wärend es am Anfang ein steter Kampf mit Eimer und Lappen ist, entwickeln wir in der Folge echte Hausfrauenfertigkeiten.
Da ist sie doch – die Schule fürs Leben.
Sturmbahn
Reste der Sturmbahn 2010
Nach effektiven 15 Minuten Frühstück ist der Tag dann vollgepackt mit Vorlesungen, praktischen Trainings, MKE (militärische Körperertüchtigung). Unter anderem gibt es auch ein so schönes Fach wie ÄKE (ästetisch kulturelle Erziehung). Da bekommen wir sozusagen den Knigge beigebracht. Ist immer recht lustig, da wir in Ermangelung weiblicher Personen auf uns selber zurückgreifen müssen. Da muss sich dann schon der Eine oder Andere als „Frau“ in die gedachte Gaststätte und wieder hinaus geleiten lassen.
Die meiste Zeit vergeht aber mit Vorlesungen über die diversen Dienstvorschriften, derer es da eine ganze Menge gibt.

Ein Maß für die körperliche Frische ist der sogenannte Achtertest. Dabei werden die Leistungen in acht ausgewählten Disziplinen abgenommen und natürlich bewertet. Dabei sind u.a. Seilklettern, Dreierhopp, Liegestütz und 3.000m Lauf (hier sind 11:20 min zu laufen, um eine 1 zu bekommen).
Anstrengend, aber abwechslungreich ist die Geländeausbildung. Erstens kommen wir mal raus aus der Kaserne und zum Zweiten ziehe ich sie dem Sitzen im Hörsaal vor. Kriechend und gleitend ziehen wir durch die Landschaft südlich von Bautzen, schmeißen uns wegen vermeintlicher Tiefflieger immer wieder in den Dreck, überstehen mit angelegtem Schutzanzug und Gasmaske einen „Angriff“ mit chemischen Kampfstoffen nach dem anderen. Das Wetter meint es gut mit uns: die Warnung vor diesen Sachen mit Hilfe von Leuchtraketen fällt teilweise den tiefen Wolken zum Opfer, weil man einfach nicht sieht, welche Sterne sich denn da entfalten. So bleibt uns der eine oder andere Kontakt mit dem Boden erspart.

In diesen Wochen bekommen wir Verstärkung. Wahrscheinlich ist der Bedarf an künftigen Jagdfliegern doch größer als die ca. 60 Offiziersschüler unserer Verwendung. Durch Zuversetzung von Offiziersschülern anderer Verwendungen (u.a. aus Zittau und Löbau) soll dem begegnet werden. Allerdings „überlebt“ von diesen Fußgängern (nicht böse gemeint) kaum jemand das erste halbe Jahr, fehlt ihnen doch jegliche fliegerische Vorbildung und der Schritt dann gleich auf den L-39-Simulator ist für viele zu groß.

Am 02.09.1981 werden wir feierlich als 72.Kompanie mit den Zügen 721 und 722 in das erste Studienjahr aufgenommen.
Zu dem Zeremoniell auf dem Flugplatz in Bautzen versammelten sich neben uns ranghohe Militärs der OHS, Vertreter der Stadt Bautzen und, wie heißt es so schön, Vertreter der gesellschaftlichen Organe. Bei dieser Gelegenheit machen wir uns auch kurz bekannt mit unserem Ausbildungsflugzeug. Leider muss eine engere „Beziehung“ noch ein halbes Jahr warten.

Vom 07.09.-09.09.1981 besuchen wir die „Götter in Weiß“ zur FMK (Flugmedizinische Kontrolle) am Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück. Bei diesem jährlichen „Event“ bekomme ich, wie die nächsten Jahre auch, das o.K. der Mediziner für die Jagdfliegerei.

Am 12.09.1981 vormittags ist dann in Kamenz auf dem Markt unsere Vereidigung.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit den angereisten Gästen in der Dienststelle in Bautzen, gibt es einen Objektrundgang mit Besuch der Unterkünfte (die sind natürlich auf Hochglanz poliert) und einen kurzen Vortrag des Leiters der Sektion „Fliegerische Ausbildung“ über unsere Zukunft.
Von 14:00 – 18:00 Uhr dürfen wir dann auch in den Ausgang, d.h. wir dürfen uns das erste Mal seit 2 Wochen alleine in der Öffentlichkeit bewegen. Ansonsten gibt es während der 4-wöchigen Grundausbildung keinen Ausgang und keinen Urlaub.

Mitte September ist auch unser erster Zahltag. Es landen unglaubliche 360,- Mark der Deutschen Demokratischen Republik auf meinem Konto, nach eigenem Dafürhalten kann ich davon ca. 200,- Mark sparen.

Mit dem 28.09.1981 endet die Grundausbildung mit einer Abschlussübung, die morgens um 04:30 Uhr zünftig mit einem Gefechtsalarm startet und am späten Abend nach dem Waffenreinigen und der Putz- und Flickstunde ihr Ende findet.

In Auswertung dieser letzten Wochen werde ich mit einem Tag Sonderurlaub belobigt, das ist wie Weihnachten und Neujahr zusammen.
Ein einwöchiger Urlaub überbrückt die Zeit bis zum Beginn der ersten Theorieperiode.
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